Hier ein Beitrag eines Lesers dieses Blogs (Nahu-Jack):
**** Zitat Anfang ****
In einem Kosmos, der seine Grenzen verloren hat, und in einer ausufernden Gesellschaft, in der Fixpunkte Mangelware sind , werden Selbstfindung, Selbstverständnis und Selbstdarstellung zu einem ganz neuen Abenteuer. Ratloser wie eh und je stehen junge Menschen vor den Fragen: Wer bin ich? Wie soll ich sein? Wie will ich sein? Wie werde ich wahrgenommen? Wie unterscheide ich mich von anderen? Wie weit kann und will ich mich anpassen? Vorbilder? Welche Werte kann man glaubhaft leben? usw. usw.
Wen wundert es also, wenn sich der Zeitgenosse - und nicht nur der junge – dorthin wendet, wo sich plötzlich Möglichkeiten zu einer mühelosen, nie dagewesenen Kommunikation aufgetan haben, wo mit Zeichen, Wörtern und Bildern vom Primitivsten über Wissenswertes, Bedenkliches und Verbrecherisches bis hin zum virtuellen Mehrfach-Leben einfach alles schrankenlos transportiert wird.
Diese „Brave New World“, die nicht einmal A.Huxley (gest.1963) und J.Verne geahnt haben, ist in kurzer Zeit also zu einer Zweitwelt ausgewachsen, wo eben auch das Gefährliche und Böse seinen Platz einnimmt. Das kann kein Grund sein, um das Ganze zu verteufeln.
Aber es ist schon notwendig, den Blick auf die negativen Seiten zu richten, damit das Positive nicht unversehens zurückgedrängt wird. Gefahren müssen erst einmal erkannt werden, ehe man sich dagegen wappnen kann. So haben wir eine Menge Abwehrmechanismen gegen reale Naturgewalten, Mikroben, Raubtiere, Irre, Mörder, Betrüger, Spione, Kriegstreiber und dergleichen geschaffen. Die Markierung und Abwehr vergleichbarer Bedrohungen im WWW verharrt noch bei zögerlichen Versuchen. Auch das sollte nicht verwundern. Denn welcher echte User möchte schließlich die neue wunderbare Freiheit durch neue, immer enger gezogene Schranken abgewürgt sehen.
Zum Blogschreiber:
• Gedanken und Gefühle werden bei der schriftlichen Fixierung verändert.
• Entwicklung und Festschreibung schließen einander aus.
• Wer sein Profil veröffentlicht, schreibt einen erstrebenswerten oder erreichten Zustand auf Dauer fest.
• Er hat dabei einen Kreis von Adressaten im Auge, von denen er, wie beschrieben, gesehen werden möchte.
• Auf diese Weise legt er sich selber Zügel an, weil er wesentlich so werden und bleiben sollte.
• Er bekommt Imageprobleme. Erschwert oder verhindert wird auch die Bildung einer „Persona“ (= erweiterter psychol. Begriff nach der griechischen, typisierten Schauspielermaske für „den“ Pfarrer, Lehrer, Streetworker, Opa, „die“ Mutter, Richterin, Krankenschwester usw.)
• Nachträgliche Profiländerungen müssen von niemandem registriert und akzeptiert werden.
• Mißverstehende Dummköpfe, böswillige Mitleser, wortverdrehende Interpreten und Speicherer muß er ignorieren.
• Als irrelevant gelten für ihn auch die Überwachung durch innerstaatliche Schnüffler und auswärtige Geheimdienste. Ihre Konjunktur speist sich aber aus einer wachsenden weltweiten Furcht gerade vor Einzeltätern und Kleingruppen.
• Mit einem grundlegenden Wandel der Beurteilungskriterien (Systemänderung) darf er nicht rechnen.
Natürlich muss man sich nicht wegen jeder Nachricht, jeder Meinungsäußerung, jedem Bildchen
in die Hose machen. Aber die große Freiheit bleibt nach wie vor ein Ideal, das in der menschlichen Gesellschaft keine Heimat findet.
• Freiräume schafft man sich eher durch Verschwiegenheit.
• Das reale Gute wird durch situationsgerechtes Tun bewirkt.
• Reden über Meinungen kann im besten Fall als Vorstufe für richtiges Handeln gelten.
• Wahrhaftigkeit d.h. weitgehende Übereinstimmung zwischen Sagen und Tun ist immer erstrebenswert, aber schwer zu erreichen.
**** Zitat Ende ****
Sorry, aber ich finde, das hört sich ganz ähnlich an wie meine Position (grins). Besonders treffend finde ich Nahu-Jacks Betonung des konkreten Handelns. Dieser wichtige Aspekt fehlte nämlich noch.
Gruß
Hel, die aus der Mitte des letzten Jahrhunderts
Donnerstag, 10. Juli 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen