Donnerstag, 3. Juli 2008

Ich existiere auch virtuell

Danke für deine Antwort. Du triffst mit deinen Argumenten schon das, was mich am Blogschreiben interessiert. Ich stelle meine Meinung öffentlich ins Internet, damit sie lesen kann, wer will. Ich stimme aber nicht mit dir überein, wenn du sagst, die Darstellung meiner persönlichen Seite sei "...kontraproduktiv für die argumentative Ebene."

Bei mir besteht ein starkes Bedürfnis danach, zu wissen, wer die Person ist, die etwas zu mir sagt. Es ist essentiell um ihre Argumente in den richtigen Kontext zu stellen. Ich lese einige Blogs und finde es unglaublich spannend und lehrreich, Menschen sich präsentieren und ihre Meinungen preisgeben zu sehen. Ich möchte ihnen an Offenheit nicht nachstehen und bin der festen Überzeugung, dass meine niedrige Verschlossenheit bei einigen die Akzeptanz für meine Botschaften erhöht. Die meisten können erkennen, dass ich womöglich sozialromantisch oder idealistisch und politisch eher grün bin. Das ist nichts, wofür ich mich schäme oder was ich als Waffe gegen mich für nutzbar erachte. Es ist gerade meine Verteidigung, denjenigen, die anderer Meinung sind, offen gegenüberzutreten. Ich sehe diese Feinde nicht, die in der Lage wären mir aus Gutmenschentum einen Strick zu drehen. Jeder, der mir auf argumentativer Ebene entgegentritt bekommt eine möglichst fundierte und sachliche Antwort. Wer sich in einem Kommentar für mich freut, weil ich wieder einmal gut drauf bin, bekommt eine liebevolle Antwort zurück.

"Manches geht die meisten Leute einfach nichts an."
Ja, ich kann schon verstehen, was du damit sagen willst. Ich selbst kenne Menschen, die lieber ihr Privates verschließen, um möglichst von anderen nicht "beurteilt" zu werden. Aber weißt du was? Wir werden alle beurteilt, und wir geben, auch wenn wir es nicht wollen, Informationen preis, die dazu dienen von uns entweder ein positives oder ein negatives Bild zu zeichnen. Menschen sind nuneinmal dazu veranlagt. Und sei es nur, dass man hinterher als verschlossen gilt ^^ Über dich weiß ich auch schon ein paar Sachen nur aus dem, was du mir geschrieben hast. Du sympatisierst mit meiner Meinung und scheinst meinen Blog mit Gewinn zu lesen. Das sagt etwas über dich aus, ob du es nun so formulierst oder nicht...

Mein Ansatz ist also, mich mit entblößter Brust vor die Kanone zu stellen und die Welt zu entwaffnen. Bin ich zu plakativ? Jedenfalls habe ich in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass es die jeweils eigene Entscheidung ist, wieweit man sich duch "Bilder, die andere von uns haben" in seinem Handeln beschränken LÄSST und ob man sie "wie zu enge Kleider" erlebt.
Ich gebe zu, dass ich wenig Kontrolle darüber habe, an welcher Stelle in meinem Leben mir das Tanzen auf der Bar irgendwie wieder vorgehalten wird. Dasselbe gilt allerdings auch für die Realität, denn woher soll ich wissen, wer damals in der spanischen Bar persönlich anwesend war? Und egal, ob es wieder auftaucht, ich kann heute nicht sagen, ob es mir eher positiv oder eher negativ angerechnet wird. Ist es nicht eine Herausforderung, sich für alles, das man tut wirklich vor der Welt verantwortlich zu fühlen?!

Also lebe ich mein Leben, forme eine virtuelle Person neben der rein natürlichen und trage dabei vielleicht etwas zum Bewusstsein bei, dass Vertrauen über Angst siegt.

Achja, was die verschiedenen Ebenen der Öffentlichkeit angeht:
Meine Liebesbriefe gehen niemanden etwas an, ich veröffentliche sie nicht, weil sie aus dem Vertrauen zwischen genau zwei Menschen entstanden sind.
Ausgewählte Personen durften sogar mein (gebundenes Papier-)Tagebuch lesen, von denen ich weiß, dass sie mich als Mensch niemals negativ verurteilen würden, weil sie mich bereits zu gut kennen. Es ist nur ein weiterer Vertrauensbeweis meinerseits.
Mein Blog enthält nur das, was ich persönlich gegenüber jedem vertreten kann und fest glaube. Da das Web nichts vergisst, brauche ich auch keine allzu große Angst zu haben, dass Tatsachen verdreht werden. Schließlich ist das Originalmaterial für jeden zugänglich.

Hier ziehe ich die Linie...

Wenn meine Selbstbestimmung, wie ich mich präsentiere, der Preis für Freiheit ist, dann bin ich nicht bereit, das als wirkliche (innere und äußere) Freiheit anzuerkennen.

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