ah, da hast du mich aber schon etwas entwaffnet. Du weißt, wie sehr ich deine Haltung schätze, ja bewundere. Deine Argumente stechen aber nur, solange man die Ebenen der Öffentlichkeit vermischt.
Da gibt es, denke ich, die Ebene des Tagebuchs, also eines Ortes, dem man seine persönlichsten Dinge anvertraut, um sie zu dokumentieren oder auch zu verarbeiten. Das Tagebuch ist nicht öffentlich, es ist der Platz für das Intime, ähnlich wie ein Liebesbrief.
Dann ist da die Ebene der Meinungsverkündung, etwa wie ein Kommentar in der Zeitung. Der wiederum braucht Öffentlichkeit, sonst ist er sinnlos (oder als "Zustandsbeschreibung" à la Tagebuch nur für den Schreiber gedacht).
Daneben lassen sich vermutlich noch weitere Ebenen von Öffentlichkeit für Blogs finden. Egal. Wenn man nun diese Ebenen vermischt, kommt alles durcheinander. Der Leser deiner Meinungsäußerungen (Politik, Beziehungen, Filme etc.) erhält einen so tiefen Einblick in deine "Seele", dass er seine Meinung über deinen Standpunkt immer mit seiner Wahrnehmung deiner Person färben wird. Das ist für Freunde, die dich kennen ok, für Fremde aber nicht, es ist kontraproduktiv für die argumentative Ebene.
Stell dir mal vor, ein hochrangiger Politiker würde öffentlich so schreiben, wie du es in deinen anderen Blogs tust. Da erfährt man, wie du zu Weihnachten Kartoffelsalat mit Bruder und Vater machst (harmlos), was du an dir selbst besonders liebst (weniger harmlos) und wie du in Spaniens Bars auf den Tischen tanzt (nicht harmlos). Bilder gibts vielleicht auch noch dazu. Sagen wir also, du wärst Angela Merkel. Wie groß wäre dann die Gefahr, dass man dich mit verdrehten "Tatsachen" aus deinem "Tagebuch" auf politischer Ebene ausschaltet? Du wirst unwirksam. ... und das Web vergisst NICHTS!
Versteh' mich bitte so: Natürlich ist es wichtig, das Leben zu leben, das man propagiert. Nur dadurch ist man authentisch. Andererseits muss man oft auch das Fremdbild bewusst steuern und in den persönlichsten Bereichen für eine breite Öffentlichkeit wenigstens zu Lebzeiten unsichtbar bleiben. Wie du das mit guten Freunden und Familie hältst, ist wieder eine andere Sache. Dafür bietet so ein Blog ja z.B. die Möglichkeit geschlossener Benutzerkreise. Um es auf den Punkt zu bringen: Manches geht die meisten Leute einfach nichts an.
Freiheit durch Begrenzung? Ja! Denn die Bilder, die andere von uns haben sind wie zu enge Kleider. Je dichter diese Bilder werden, desto weniger Luft bekommst du. Manche legen es deshalb sogar darauf an, die "persönliche Geschichte" auszulöschen, um frei zu sein. Habe ich mal gelesen ;-) Das klingt vielleicht wie eine ganz andere Story, ist es aber gerade im Internet nicht.
Ich glaube dich gut zu kennen - auch aus deinen Blogs - und muss deshalb aufpassen, dass ich dich nicht durch mein Bild von dir begrenze (vermutlich kann ich das trotzdem nicht verhindern). Nicht jeder ist sich dessen aber bewusst, nicht jedem ist die Freiheit des Anderen wichtig.
Kurioser Weise hat unser Gespräch schon dazu geführt, dass du ein paar Bilder aus deinen Alben genommen hast. Auch für mich fühlt sich das erstmal als Begrenzung an. Ich finde es einfach schade, dass ich an diesen Stellen nicht mehr an deinem Leben teilhaben darf. Aber unter dem Strich ist es für dich die Chance, die Dinge deines Lebens ohne Einmischung von außen sich entwickeln zu lassen, bis sie reif sind für Öffentlichkeit, oder auch nicht. Freiheit eben!
Freiheit hat einen Preis.
Freu' mich auf deine Antwort!
Hel, die gluckenhafte Freiheitsdiebin
Sonntag, 15. Juni 2008
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